Der Parteitag läuft schon seit einigen Stunden, als die Delegierten sich erheben und stehend applaudieren. Es ist der Aufbruchsmoment, auf den alle gewartet haben. Der auch ein Grund war, warum die Bonner SPD nach ihrem desaströsen Kommunalwahlergebnis den für Sommer geplanten Unterbezirksparteitag um ein halbes Jahr vorgezogen hat. Nun hat die Partei mit Lisa Glaremin und Leon Schwarze eine neue Führung, die sich ein ambitioniertes Programm vorgenommen hat, wie ein Blick in den Leitantrag zeigt, der kritisch den Finger in die Wunde legt, aber auch den Blick nach vorne wirft.
Doch bevor dieser Blick nach vorne gehen kann, muss sich der Parteitag erst einmal mit einem Thema beschäftigen, das längst erledigt schien: die Vereinbarung mit CDU und FDP für die künftige Kooperation im Bonner Stadtrat. Erstmals hatte die Partei ihre Mitglieder rund um den Jahreswechsel dazu befragt. Per Online-Voting stimmten mehr als 60 Prozent der teilnehmenden Mitglieder dafür, das Vertragswerk auf dem Parteitag zu verabschieden. Also eigentlich eine klare Sache, wenn da nur die sogenannte Flugplatz-Affäre nicht gewesen wäre, mit der CDU-Oberbürgermeister Guido Deús nur wenige Wochen nach Amtsantritt für negative Schlagzeilen sorgte.

Deshalb wurde mit Spannung erwartet, wie sich die SPD dazu positionieren würde. Denn im Vorfeld hatte es Stimmen gegeben, die gefordert hatten, mit der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags so lange zu warten, bis alle Vorwürfe ausgeräumt seien. Letztlich stimmten die Delegierten jedoch mit deutlicher Mehrheit für den Kooperationsvertrag. Auch um progressive Politik in und für Bonn vorantreiben zu können. Allerdings wurde gleichzeitig auch ein Initiativantrag verabschiedet, der explizit darauf eingeht, dass die Kooperation seitens der SPD auch jederzeit wieder beendet werden könne, sofern weitere Verfehlungen beziehungsweise Unregelmäßigkeiten seitens der CDU bekannt werden sollten.
Nachdem dieses Thema abgeräumt worden war, war der Weg frei für die Wahl der neuen Doppelspitze. Doch so ganz neu ist sie gar nicht. Denn Lisa Glaremin hatte bereits nach dem Rücktritt der früheren Bundestagsabgeordneten Jessica Rosenthal im vergangenen Sommer kommissarisch die Führung der Partei an der Seite von Gabriel Kunze übernommen. Nach insgesamt achteinhalb Jahren als Vorsitzender der Partei trat dieser nicht erneut an und machte so den Weg frei für einen Generationswechsel.
Denn mit der 34-Jährigen Glaremin und dem 27-Jährigen Schwarze führen die Bonner SPD nun zwei Vorsitzende im Juso-Alter. Glaremin arbeitet als Referentin für Analyse und Reporting bei JUGEND für Europa, der Nationalagentur für die Erasmusprogramme im außerschulischen Jugendbereich. Als Vorsitzende ist es ihr ein besonderes Anliegen, „mehr Bürgerinnen und Bürger für uns zu gewinnen und die SPD als soziale Stimme in der Stadtgesellschaft sichtbarer und attraktiver zu machen“, wie sie in ihrem Kandidaturschreiben kundtat.
Schwarze schreibt derzeit an seiner Master-Arbeit in Politikwissenschaft und arbeitet parallel dazu als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den SPD-Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling. Seit der Kommunalwahl im September sitzt der Hardtberger für die SPD im Bonner Stadtrat und ist dort Vorsitzender des Schulausschusses. Womit sich für ihn zugleich ein Kreis schließt. Denn 2017 wurde er als Schülersprecher am Hardtberg-Gymnasium Mitglied des Schulausschusses und fand wenig später seinen Weg in die SPD, wie er in seiner Bewerbungsrede erzählte. Schwarze setzte sich in der Abstimmung klar mit 88 Stimmen gegen Tunc Karamanli mit 22 Stimmen durch.
Neue stellvertretende Vorsitzende der Bonner SPD sind Azra Zürn und Simon Brauer. Zürn ist seit rund einem Jahr Beigeordnete für Schule, Soziales und Jugend der Bundestadt Bonn und wohnt seitdem mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Bonn. Brauer ist stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins Bad Godesberg-Nord und gehörte dem Unterbezirksvorstand bislang bereits als Beisitzer an. Er arbeitet als Mitarbeiter im Bonner Wahlkreisbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Hartmann.
Neue Kassiererin ist Petra Wilke, die Uli Hürter beerbt, der nicht mehr kandidiert hatte. „Wenn ihr mich wählt, erhöhe ich den Altersschnitt deutlich“, merkte sie in ihrer Bewerbungsrede humorvoll an. Was ihrem Ergebnis keinem Abbruch tat: Mit lediglich einer Enthaltung erhielt sie nahezu 100-prozentige Zustimmung. Den neuen Vorstand komplettieren als Beisitzer*innen Elke Appelt, John Contenius, Anneke Dornbusch, Nina Freistedt, Gieslint Grenz, Niklas Hausemann, Jonas Jordan, Tunc Karamanli, Gabriele Klingmüller und Jan Knes-Wiersma.